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Operationsverlauf aus der Sicht des Patienten

Die Zimmeruhr 757 im Kantonsspital Winterthur zeigt exakt 10.33 Uhr bei 23.4 Grad an, als mich zwei Pflegefachfrauen auf einem breiten Spitalbett in die verwinkelten Gefilde eines der zehn grössten Spitäler der Schweiz schieben. Die Warterei hat sich seit dem ersten vereinbarten Termin von 0830 Uhr immer wieder verschoben. Trotz verabreichten Beruhigungspillen bin ich hell wach. Andere sollen hier bereits eingeschlafen sein aber ich bin nicht nur wach sondern leicht nervös. Ich kann es kaum erwarten, dass es endlich los geht.
In der 5. Etage vor den Operationssälen angekommen wird man vom breiten Spitalbett auf ein schmales Operationsbett geschoben. Im Vorraum des Operationssaals angekommen hämmern und sägen sie an meinem Vorgänger herum wie die Wilden auf einer Grossbaustelle. Nur übertönt von den verlesenen Informationen von Radio Top. Nur gut, dass mein rechtes Bein mit „Ja“ und das Gesunde mit „Nein“ angeschrieben ist, denn hier würde keine SUVA der Welt für einen Fehler gerade stehen.
Die Anästhesisten Frau Dr.med. Zürcher wies mich an eine Embryonen-Stellung einzunehmen. Ich versuche meinen Körper auf die Seite zu stemmen aber überall greife ich ins Leere wenn ich auf dem „Bügelbrett“ nach Halt suche. Meine „Seniorenwurst“ ist entgegen eines Embryonen ein klein wenig zu gross gewachsen, als dass sie mit einem Ungeborenen vergleichbar wäre. Und als mir ein weiterer Oberarzt befahl, dass Knie bis unters Kinn zu ziehen damit sich die Rückenwirbel unmittelbar vor dem A-Loch öffnen würden versuche ich’s noch etwas besser zu machen. Aber es gelingt mir einfach nicht. Vielleicht hätten sie mich eben vor über 70 Jahren nicht mit Ovomaltine füttern dürfen.
Aber es kommt noch besser. Unter einer wärmenden „Brutlampe“ wollen sie mich als Feder-Nacktes „Küken“ noch weiter zurück entwickeln. Haben denn die „Bruthennen“ hier noch nie etwas von Ovomaltine gehört?
Ein leichter Stich und ein weiches Brennen und der untere Teil meines Körpers gebe ich in der Asservatenkammer ab. Auch das Abtupfen mit einem „Glacéstengel“ spüren ich bald nichts mehr. Dafür arbeitet mein Hirn wie verrückt. Im ersten Stock in der oberen Studierstube sind sie dran, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Wie muss es wohl jenen ergehen, welche mit einer Vollnarkose das Studierzimmer temporär geschlossen bleibt oder gar den Schlüssel unwiederbringlich verlegt wurde. Man muss nicht einmal ein Kontrollfreek sein um den medizinischen Fortschritt einer Teilnarkose „geniessen“ zu können.
Zu einem „Bügelbrett“ kommt nun auch noch ein „Aermelböckli“ dazu. Darauf wird mein rechter Arm festgebunden. Nicht etwa, dass ich Lust hätte auf der „Grossbaustelle“ mitzuhelfen. Aber vielleicht muss ich doch einmal eingreifen und fragen ob sie hier auch „bügeln“ würden. Es täte ja sicherlich meiner Greisenhaut auch nichts schaden aber schliesslich bleibe ich brav still und höre lieber Radio Top, den Winterthurer Regionalsender. Die werden wohl von den zwei von der Decke herunterhängenden, zwei Meter im Durchmesser grossen Satschüsseln aufgefangen welche allerdings nicht in den Orbit sondern auf mich zeigen – den nicht zu übersehenden kleinen „Embryon“ . Aber halt, die LNB‘s an der Schüssel sind zwar kräftig genug gebaut, aber dass sie gleich die weisse Blechdecke mitsamt den darüber liegenden Stockwerken durchdringen könnten ist dann doch zu viel für meine Vorstellungskraft. Dann hätte man die Satschüssel doch gleich auf‘s Dach stellen…
Die Säge mit der man gerade jetzt den Kopf des rechten Oberschenkels zu entfernen versucht ist ja gar nicht geschliffen. Das Sägeblatt hüpft umher und schüttelt das ganze Bein wie auf einer Achterbahn. Mein Arm auf dem „Aermelböckli“ bleibt aber Gott sei Dank ruhig.
Schon kommt die nächste Baustelle dran: Mit einem 40 mm grossen Schlosseinbau-Bohrer wird mein Becken bearbeitet. Dann wird der Einsatz dreingehauen so stark, dass Zimmerleute noch viel von meinem Dreamteam Dr.med. Viviane Molnar und Dr.med. Fabian Kalberer lernen könnten. Nun wird auch noch an meinem Bein gerissen was das Zeug hält. Die Sehnen des Oberschenkels reichen doch nicht bis zum Hals hinauf. Oder sind es vielleicht die Venen- oder gar die arterriellen Stränge die etwas gestreckt werden müssen. Im Nachhinein erfahre ich jedenfalls, dass das vorgängig kürzere Bein nun rechts 6 mm länger geworden und das Linke um eben dieses Mass kürzer sei. Dafür habe nun das operierte Bein „mehr Zug“ drauf.
Hilft das wohl beim Besteigen des Piz Daint? Mir ist ja nicht bekannt, dass dort hinauf ein „Zug“ geplant ist!
Nun sei es wie es wolle. Sollte ich nun schöner geworden sein so macht dies auch nichts, andernfalls könnte ich mich ja noch für die Fasnacht bewerben: Als „Schreckmümpfeli“. Das hat ja nicht‘s mit „Stalldrang“ zu tun, dafür umso mehr mit Pferden die zurück in den heimischen Stall drängen.
Plötzlich ist meine Anästhesisten Frau Dr.med. Zürcher verschwunden. Es muss wohl zwölf Uhr geschlagen haben. Auch Aerzte haben ein Recht auf Nahrungaufnahme. Hinter mir beantwortet neu Frau Dr. Bühler meine lästigen Fragen. Sie ist allerdings mit unserem Nachbarn Dr. Bühler weder verschwägert noch sonst wie verwandt, war oder noch werden kann. Klar hätte ich in einem solchen Fall sofort in den Ausstand treten müssen.
Ueber einen Hinterausgang werde ich aus dem OP-Saal gestossen, vom „Bügelbrett“ auf’s Spitalbett geschoben und in den Aufwachsaal gebracht. Punkt 1315 Uhr herrscht hier eine aufgeräumte Stimmung. Nur einzelne „Vollnarkose-Patienten“ verschlafen den vorzüglichen Kaffee von Frau Hotz welche hier die Aufgewachten -oder besser gesagt – die Aufgeweckten von den temporär toten Patienten betreut. Leider darf ich hier nur kurz verweilen und immerhin noch schnell erfahren, dass Frau Hotz begeisterte Camperin mit einem Knaus-Querbeet Wohnmobil ist, 5.99 m lang und 2.18 breit. Wir werden uns sicherlich einmal irgendwo „on tour“ treffen und schon werde ich wieder auf Zimmer 757 verschoben. Danke Frau Hotz für das kurze Gespräch.
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