In Kemleten begann vor beinahe 80zig Jahren der Krieg?

Ende Mai 1940 stürzte ein zweimotoriger Kampfbomber HE-111 des deutschen Kampfgeschwaders „Boelke“ im kleinen Dorf Kemleten bei Winterthur nach Beschuss durch unsere Luftwaffe ab.

Nachdem in den ersten Mai-Tagen 1940 die Beneluxstaaten und Frankreich überfallen worden waren, herrschte in der Schweiz grosse Angst vor einem deutschen Überfall.

Wie auf anderen bedeutenden Verkehrsachsen waren auch auf der Strasse von Winterthur nach Effretikon viele Autos Richtung Innerschweiz unterwegs. Für die zurückgebliebenen Bewohner von Effretikon blieb deshalb der 16. Mai 1940 in besonderer Erinnerung.

Rosa Horr erzählte ihre Erlebnisse im August 1990 dem „Heimatspiegel“ einer Beilage des „Zürcher Oberländer“:

Wir führten damals einen Landwirtschaftsbetrieb in Kemleten bei Ottikon. Es war ein trüber, feuchter Tag. Es schneite sogar in grossen Flocken. Um 17.30 Uhr melkte ich unsere Kühe im Stall. Plötzlich krachte es, und ich hörte unsere Nachbarin rufen: Jetzt simmer verloore, jetzt chömmed die Tüütsche!

Ich eilte hinaus und sah beim Waldrand unten, etwa 150 Meter von unserem Haus entfernt, ein brennendes Flugzeugwrack mit deutschen Kennzeichen. Die Besatzung war verschwunden. Bald kam Schweizer Militär und bewachte den Trümmerhaufen, in dem mehrmals übriggebliebene Munition explodierte. Ich erinnere mich gut an diesen Abend, denn der Leutnant hatte sein Quartier in unserer Stube. Ich kochte während der ganzen Nacht Tee und Kaffee, und die pudelnassen Wachsoldaten trockneten ihre Kleider auf unserem Kachelofen.

Am 16. Mai 1940 erhielt die Besatzung der in Baltringen stationierten Fliegerstaffel 9/27 den Auftrag Ziele in der Gegend von Troyes in Mittelfrankreich zu bombardieren. Der 2. Weltkrieg war in vollem Gange.

Aus dem Thurgau und dem Kanton St. Gallen flüchteten viele Familien mit Kind und Kegel Richtung Innerschweiz. In Winterthur staute sich der Verkehr auf allen Verkehrsachsen über Effretikon bis nach Zürich.

Die deutsche Fliegerstaffel 9/27 der III. Gruppe des Kampfgeschwaders „Boelcke“ 27 war mit der Heinkel He-111 ausgerüstet.

Die Besatzung der He-111 mit dem Kennzeichen IG+HT bestand aus dem Piloten Joachim Riecker, dem Beobachter Hans Scholler, dem Funker Alfred Herzig und dem Mechaniker Gerhard Hobbie.

Hans Scholler schrieb damals in einem Brief an einen Verwandten seine Erlebnisse des Einsatzes: Völlig unbelästigt befanden wir uns auf dem Heimweg. Plötzlich tauchten dichte Wolken auf, und wir flogen aus dem strahlenden Sonnenschein in die Wolken und was sahen wir? Schnee, mitten im Mai, Schnee.

Im gleichen Augenblick krachten auch schon die Kanonen- und Maschinengewehrsalven in unsere Kiste. Die Splitter flogen uns um die Ohren.

Bevor wir die schützende Wolkendecke wieder erreichten, waren uns beide Motoren zerschossen und lagen Funker und Mechaniker mit blutenden Wunden vor ihren Gewehren. Der Pilot konnte die Maschine nicht mehr halten und befahl der Besatzung den Absprung mit dem Fallschirm.

Hans Scholler blieb mit dem Rückengurt am Flugzeug hängen und konnte sich nicht befreien.

Der Pilot entschloss sich zur Notlandung. Die Maschine sackte einfach durch. Etwa fünfzig Meter vor dem Wald sahen wir einen einzelnen Baum, der sollte unsere Rettung sein. Mit verzweifelter Bemühung gelang es dem Piloten, die Maschine zwischen Kanzel und linkem Motor in etwa drei Meter Höhe gegen den Stamm zu jagen.

Ein Krachen, Glas splittert und dann totale Stille.
Zur eigenen Überraschung entstiegen die beiden Deutschen dem zertrümmerten Bomber ohne ernsthafte Verletzungen.

zweimatoriger Bomber HE-111

In aller Eile suchten sie alle Navigationsunterlagen zusammen und zerschlugen die wichtigsten Instrumente. Danach entzündeten sie eine Brandbombe und flohen in den nahen Wald.

Noch hatten sie keine Ahnung wo sie sich befanden. Die Wegweiser nach Kyburg und Rossberg wiesen auf ein deutschsprachiges Gebiet hin. Als sie das grosse Firmenschild der Maggi erblickten, wähnten sie sich zuerst im deutschen Singen.

Ein riesiger, nach Süden fahrender Kohlenzug mit der Aufschrift „Deutsche Reichsbahn“ verstärkte diese Vermutung.

Die folgenden Züge, die mit Zürich und Winterthur beschriftet waren, brachten jedoch die Lösung. Die Beiden beschlossen sich nach Deutschland durchzuschlagen.


Zweieinhalb Stunden nach der Landung wurden sie jedoch von Soldaten aufgehalten und der Kantonspolizei übergeben.

Die beiden verwundeten Fallschirmspringer lagen zu dieser Zeit bereits im Spital in Winterthur. Der eine landete mit seinem Fallschirm in der Nähe der Würglen-Mühle nördlich von Effretikon.

Der andere wurde von einem 17jährigen Gymnasiasten aus Ottikon beobachtet. Dr. Max Wahl erinnert sich: Ich sass zu Hause und löste Schulaufgaben, als ich ein lautes Gebrumm hörte. Ich eilte hinaus und sah etwa 150 Meter über Ottikon den deutschen Bomber, der von Effretikon Richtung Kyburg flog. Eben sprang ein Mann mit dem Fallschirm ab.

Trotz des mütterlichen Verbots nahm ich das Velo und fuhr in die „Bruggen“. Dort kam mir hinkend der deutsche Flieger entgegen. Er trug einen dunklen Overall und besass mehrere Abzeichen, darunter dasjenige der legendären „Legion Condor“ aus dem spanischen Bürgerkrieg.

Zuerst wollte er mein Fahrrad, um nach Deutschland zu gelangen, doch konnte ich ihn überzeugen, mit mir ins Dorf zu kommen.

Dort stand die Ortswehr bereit und hielt den Deutschen in der Bäckerei fest, bis das Platzkommando Winterthur den am Oberschenkel verletzten Fallschirmspringer im Auto von Maggi-Direktor Bertschi ins Kantonsspital Winterthur überführte.

Bei den Verhören durch die Schweizer Behörden erwiesen sich die Deutschen als äusserst wortkarg. Ein Abhörgerät belegte die folgende Aussage des Piloten: Menschenskind, die haben B-Munition gefunden und wissen, dass wir damit auf Schweizer geschossen haben. Es bleibt dabei, ausgesagt wird nichts, und wenn sie uns zu Kriegsgefangenen machen.

Tatsächlich waren auf der Kemleter Absturzstelle neben Ausrüstungsgegenständen auch Maschinengewehre mit der dazugehörigen Munition gefunden worden.

Die Analyse der Geschosse warf ein schlechtes Licht auf das deutsche Rechtsempfinden und die von Deutschland angewandten Gangstermethoden, bemerkte der Untersuchungsbericht. In der Trommel mit der unsere Jäger beschossen wurden, befand sich kein Schuss Munition, der mit der Haager Konvention in Einklang gebracht werden könnte.

Alle Geschosse waren verbotenerweise mit einem Messingmantel umgeben, durch dessen angebohrte Stellen die Blei- und Phosphorfüllungen austreten konnten.

Der Chef der Nachrichtensektion des Generalstabes, Oberst Roger Masson, erwog wegen der Verwendung dieser völkerrechtswidrigen Munition einen Protest gegen Deutschland.

Als die Schweizer Luftwaffe Anfang Juni 1940 acht deutsche Kampfbomber abschoss, geriet sie jedoch unter starken politischen Druck aus Berlin

Erfolgreiche Luftverteidigung der Schweizer Flugwaffe

Die Maschine mit dem Kennzeichen 1G+HT wurde von Schweizer Jägern (Moran) beschossen und musste bei Kemleten-Winterthur notlanden und verbrannte. Die Überreste des Flugzeuges wurden bereits am 19.10.1940 an Deutschland im offenen Güterwagen zurückgegeben.

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