1918 stand die Schweiz am Rande eines Bürgerkriegs

Hohe Teuerung, tiefe Löhne, knappe Lebensmittel: Durch den Ersten Weltkrieg gerät die Arbeiterschaft in bittere Not. Im Landesstreik 1918 wehrt sich die Linke lautstark gegen die offenkundige Benachteiligung – und fordert das Bürgertum heraus, bis der Konflikt eskaliert.

Truppen 1918 am Weisenhausplatz

Im Februar 1918 wurde als Bindeglied zwischen der Partei und den Gewerkschaften das Oltener Aktionskomitee gegründet, dessen Präsidium Robert Grimm übernahm. Primäres Ziel des Aktionskomitees war zunächst die Bekämpfung einer vom Bundesrat geplanten Zivildienstpflicht für alle 14 bis 60-jährigen, bald traten indessen andere Themen in den Vordergrund.

Im März verabschiedete das Komitee ein Grundsatzpapier über die Kampfmittel. Als der Bundesrat im folgenden Monat den Milchpreis erhöhte, drohte das Komitee zunächst mit dem Generalstreik und rief dann im Juni zu Teuerungsdemonstrationen auf.

Erneut wurde im Juli wegen des Bundesbeschlusses über die Unterstellung des Vereins-, Versammlungs- und Demonstrationsrechts unter die Kontrolle der Kantone mit dem Generalstreik gedroht. Daraufhin bildete der Bundesrat am 9. August eine „Landesstreik-Kommission“ als internes Anti-Streik-Organ.

Im Herbst 1918, als sich das nahende Ende des Krieges zunehmend abzeichnete, spitzte sich die Situation mehr und mehr zu. Am 30. September trat das Zürcher Bankpersonal für Lohnerhöhungen in den Ausstand. Nachdem sich die Arbeiterschaft mit dieser Forderung solidarisiert und einen lokalen Generalstreik organisiert hatte, endete dieser Arbeitskampf mit einem vollen Erfolg.

Am 13. Oktober wurde in einer eidgenössischen Volksabstimmung die vom Bundesrat zur Ablehnung empfohlene Proporzinitiative mit einer Zweidrittelmehrheit angenommen. Damit zeichnete sich das Ende der seit der Gründung des Bundesstaates bestehenden freisinnigen Hegemonie ab.

Noch im Herbst 1917 hatte der Freisinn in den letzten Majorzwahlen mit einem Wähleranteil von etwa 40 Prozent die absolute Mehrheit gewonnen, während die Sozialdemokraten zwar über 30 Prozent der Stimmen errangen, jedoch nur etwa 10 Prozent der Mandate zugeteilt erhielten.

Bald jedoch zeigt sich, dass mehrere Forderungen der Arbeiterschaft dennoch in Erfüllung gehen: Das revidierte Fabrikgesetz legt die 48-Stunden-Woche fest. Und vorgezogene Parlamentswahlen, die erstmals nach dem Proporzsystem erfolgen, bringen im Oktober 1919 den Sozialdemokraten doppelt so viele Sitze wie bis anhin.

Der Linken gelingt es damit, endlich auch Teil des auf breite Partizipation ausgerichteten politischen Systems der Schweiz zu werden. Bis die Arbeiterschaft allerdings auch in die Landesregierung einzieht, wird es noch bis 1943 dauern: Erst dann wählt die Vereinigte Bundesversammlung mit dem Zürcher Ernst Nobs den ersten SP-Vertreter in den Bundesrat.

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