Das Auto der Zukunft wird ohne Führerausweis gefahren?

    Seit 50 Jahren präsentiert die Consumer Electronics Show, kurz CES, jeweils im Januar in Las Vegas die Neuheiten der Elektronikbranche. Doch seit einigen Jahren kapert die Autoindustrie die Messe für ihre Zwecke.

    Blosses Blechbiegen war gestern; heute verstehen sich die Autobauer zunehmend als Techkonzerne, die das Automobil mit eigenen Produkten und Dienstleistungen gegen die Begehrlichkeiten der IT-Grössen Google, Apple oder Microsoft verteidigen wollen.

    Als Förderer von intelligenten Fahrzeugen beschreibt die freie Enzyklopädie Wikipedia Jürgen Schmidhuber trocken als deutscher Informatiker und Künstler. Seit 1995 ist er Kodirektor des Schweizer Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz IDSIA (Istituto Dalle Molle di Studi sull’Intelligenza Artificiale) im Tessin.

    Seine möglicherweise ambitionierteste Arbeit ist die Gödelmaschine (2003) zur Lösung beliebiger formalisierbarer Probleme. Mit Hilfe eines asymptotisch optimalen Theorembeweisers überschreibt die Gödelmaschine beliebige Teile ihrer Software (samt dem Theorembeweiser), sobald sie einen Beweis gefunden hat, dass dies ihre zukünftige Leistung verbessern wird!

    Alles Verstanden? Nein, ich auch nicht!

    Im vermeintlich intelligentesten Auto von BMW sind erste Fortschritte zu erkennen: Im Fond führt der „i inside future“ eine kleine Bibliothek spazieren. Mit richtigen analogen Büchern!

    Wahrscheinlich weil beim Erkennen von Bildinhalten die selbst lernende Software mittlerweile besser abschneidet als der Durchschnitt menschlicher Probanden? Ein Kleinkind erkennt zwar möglicherweise auch noch nicht, dass eine Mauer kein Haus ist, ein Omnibus keinen Lastwagen, darstellt und ein Elefant auch kein Fussgänger ist. Grotesk-komisch, aber nicht wirklich sicherheitsrelevant.

    Trotz cloudbasierte Spracherkennung im 7er-BMW kommt diese einem natürlichen Sprachverstehen sehr nahe. Entscheidend ist aber der Übergang vom programmierten zum selbst lernenden System. «Seit 1998 arbeiten wir an einer Bilderkennung für Fussgänger; in Serie gegangen ist das System 2013 als Notbremssystem», sagt Uwe Franke, Leiter Bildverstehen bei Daimler.

    selbstfahrendes Auto

    Bisher versuchte die Kamera hinter der Windschutzscheibe, Muster von Millionen von Bildpunkten zu erkennen: Autos, Fussgänger oder einen Radfahrer. Weil die Rechenleistung und die Zahl der programmierten Objekte beschränkt war, konnte das System vieles nicht erkennen, was für den Menschen offensichtlich ist.

    Der Durchbruch kam aber mit einem lernenden Algorithmus, der die Leistung der Mustererkennung um zehn Prozent auf 75 Prozent gesteigert hat. Beim Erkennen von Bildinhalten schneidet die selbst lernende Software mittlerweile besser ab als der Durchschnitt menschlicher Probanden. Zumal Verwechslungen meist innerhalb einer Klasse stattfinden: Das System erkennt zwar eine Mauer als Haus, einen Omnibus als Lastwagen, einen Elefanten als Fussgänger usw.

    Schon jetzt zeichnet sich aber ab, dass lernende Maschinen künftig auch auf unerwartete Ereignisse werden reagieren können. Die intelligenten Systeme lassen viele Teilnehmer der CES bereits von einer «neuen Ära der Menschheit» träumen. So auch Jen-Hsun Huang, den Gründer und Vorstandschef des US-Grafik-Chip-Herstellers Nvidia: «Künstliche Intelligenz wird einen grösseren Einfluss auf unser Leben haben als die Erfindung des Computers, des Internets oder des Mobiltelefons zusammen.»

    Ein paar echte, reale Concept-Cars gibt es natürlich dennoch an der CES zu sehen: Chryslers Portal Concept zum Beispiel, ein vollelektrisch angetriebener Mini-Van mit bis zu 400 Kilometer Reichweite, gegenläufigen Schiebetüren und Vollvernetzung. BMWs autonome Studie „i inside future“, an der ausser den stilisierten BMW-Nieren und dem Lenkrad für den Notfall nichts an aktuelle Modelle erinnert. Oder „Toyotas Concept-i“ mit integrierter künstlicher Intelligenz, die per Leuchtschrift mit dem Fahrer und dem Umfeld kommuniziert.

    So futuristisch sie auch ausschauen – sie scheinen alle realistischer als das erste Serienmodell des kalifornisch-chinesischen Start-ups Faraday Future. Das SUV FF 91 soll 1065 PS leisten, in 2,39 Sekunden auf Tempo 100 sprinten, 700 Kilometer mit einer Batterieladung schaffen; und man kann sich jetzt schon eines für 5000 US-Dollar reservieren lassen mit Auslieferung angeblich ab 2018. Wenn man aber bei der Realisierung mit ähnlichen Verzögerungen rechnet wie beim Konkurrenten Tesla, dann dürfte dies gar zur Utopie werden.

    Inzwischen tüfteln unter Hochdruck Hersteller von Daimler bis Tesla an selbstfahrenden Autos. Testwagen, bei denen ein Computer das Steuer übernimmt, gibt es bereits. Sobald die Roboterautos aus den Fabrikhallen über die Strassen rollen, kann man sich die rund 3000 Franken für den Führerausweis sparen.

    Das kündigte jedenfalls Werner Jeger, Vizedirektor des Bundesamts für Strassen (Astra), an einer Tagung des Schweizerischen Fahrlehrerverbands an. Bei den voll automatisierten Autos werde das sichere Fahren «ausschliesslich durch die Technik gewährleistet», sagte der Astra-Vertreter. «Eine Führerprüfung ist nicht mehr erforderlich.»

    Dass die rollenden Rechner keine Science-Fiction sind, zeigt eine Studie von Morgan Stanley und der Boston Consulting Group. Schon in acht Jahren, schreiben die Autoren, werde es in der Schweiz voll automatisierte Autos geben. Und fast die Hälfte der Fahrzeuge, so die Prognose, wird mit Assistenzsystemen oder teilautomatisiert fahren.

    Bei den vollautomatisierten Autos gibt es kein Lenkrad mehr, kein Bremspedal und auch sonst keine Bedienelemente, die auf die Fahrt einwirken können. «Folglich haben diese Fahrzeuge auch keinen Fahrer mehr, der einen Führerausweis braucht», sagt Astra-Sprecher Michael Müller. «Alle Menschen im Auto sind Passagiere.»

    Die technologischen Umbrüche, wie sie jetzt anstehen, haben einschneidende Folgen für die 3500 Schweizer Fahrlehrer. «Mit voll automatisierten Autos wird es den Fahrlehrer, wie wir ihn heute kennen, nicht mehr brauchen», sagt Willi Wismer vom Zürcher Fahrlehrerverband. Schon heute gehe es im Unterricht zunehmend darum, den Neulenkern die Technik welche im Auto steckt zu erklären und weniger die Regeln des fliessenden Verkehrs.

    Der Schweizerische Fahrlehrerverband (SFV) hat bereits reagiert. «Wir werden noch in diesem Jahr das gesamte Berufsbild des Fahrlehrers überarbeiten», sagt Marc Matti, beim SFV zuständig für die Berufsbildung. «Dabei werden wir auch das automatisierte Fahren aufnehmen.»

    Neu, so Matti, soll aus dem Fahrlehrer eine Art «Mobility Manager» werden, der vermehrt das Verkehrsverhalten schule. «Mit einem automatisierten Auto muss man nicht mehr am Berg anfahren oder seitlich parkieren können, das macht das Fahrzeug selber», sagt Matti. «Damit bleibt im Unterricht mehr Zeit für andere Fragen.» Und die soll genutzt werden, um Neulenkern einen bewussteren Umgang mit dem Auto beizubringen und sie zu animieren, auch mal eine Fahrgemeinschaft zu bilden.

    Nicht nur für die Fahrlehrer ändert sich das Geschäft, auch die Versicherungen sind herausgefordert. «Viele Menschen fahren heute noch in Autos ohne Technik für das automatisierte Fahren. Sie unterschätzten deshalb, wie schnell sich diese Techniken entwickelt haben», sagt Sascha Türk von der „Zurich Schweiz“.

    Einig sind sich die Experten, dass von Computern gelenkte Autos weniger Unfälle bauen. «Offen ist aber, ob dadurch auch die Schadenssumme sinkt», fragt sich Türk. «Früher war bei Zusammenstössen beim Parken vor allem die Karosserie beschädigt, künftig sind zusätzlich technische Geräte wie Sensoren oder Kameras betroffen.» Auch die Haftungsfrage sei noch offen.

    Auf die rasante Entwicklung reagiert nun auch das Astra. Eine Arbeitsgruppe arbeitet daran, das Strassenverkehrsgesetz anzupassen, um die Bahn frei zu machen für die automatisierten Autos.

    Unbemannte Testfahrzeuge sind derzeit bereits im Einsatz. In Sitten kutschieren selbstfahrende Postautos ihre Insassen durch die Strassen – gelenkt von einer Software.

    In diesem Sommer soll es auch in Freiburg einen Bus geben, der ohne menschliches Zutun fährt. «Start ist im August», sagt Stéphane Berney von den Freiburger Verkehrsbetrieben (TPF). «Es wird der erste selbstfahrende Bus in der Schweiz sein, der nach normalem Fahrplan verkehrt.»


    Leonard Cohen – The Window

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