Griechenland’s Euro-Austritt und Rückkehr zur Drachme?

Hans-Werner Sinn ist um klare Worte nie verlegen. Er ist Hochschullehrer und Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. Er hat als deutscher Ökonom mehrere populärwissenschaftliche Bücher zu wirtschaftspolitischen Themen verfasst.

Hans-Werner Sinn - Oekonom

Hans-Werner Sinn – Oekonom

Die Zuspitzung in der Griechenland-Krise lässt seinen «Plan B» – den er seit langem verficht – realistischer werden. Sinn empfiehlt Griechenland den Austritt aus der Euro-Zone und die Rückkehr zur Drachme.

Dies liesse sich an einem Wochenende bewerkstelligen, indem per Dekret in allen inländischen Verträgen das Euro-Zeichen durch die Drachme ersetzt würde. Nur mit einem Bruch habe Griechenland die Chance, seine Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen, sagte Sinn vor Journalisten in Berlin.

Die bisherigen Rettungsbemühungen sind auch aus seiner Sicht tatsächlich ein Debakel. Allein an Hilfskrediten der Euro-Länder und des Währungsfonds (IWF/IMF) hat das Land derzeit 216 Mrd. € ausstehend. Zählt man die Verbindlichkeiten der griechischen Notenbank gegenüber dem Euro-System dazu, kommt Sinn auf 325 Mrd. €.

Die griechische Staatsschuldenquote erreichte Ende 2014 knapp 180% der Wirtschaftsleistung. Die Resultate der Rettung sind jedoch ernüchternd: Die Arbeitslosenquote ist seit dem ersten Quartal 2010, als es zum ersten Mal Diskussionen über einen Austritt Athens aus der Euro-Zone gegeben hatte, von 11% auf 26% im Jahre 2015 gestiegen

Glaubt man Griechenlands Finanzminister Janis Varoufakis, wurden 90% der Hilfen dazu verwendet, westliche Banken vor Verlusten zu schützen, während die «Sparpolitik der Troika» eine Katastrophe für die Griechen herbeigeführt habe.

Hans-Werner Sinn hat sich die Zahlen genau angeschaut und kommt zu einem völlig anderen Schluss:

  • Rund ein Drittel (108 Mrd. €) wurde demnach zur Deckung des Leistungsbilanzdefizits verwendet, mit dem Griechenland seinen Lebensstandard zum Teil finanzierte.
  • Das zweite Drittel (104 Mrd. €) wurde von den Griechen ausser Landes geschafft und in sicheren Häfen wie die Schweiz angelegt.
  • Mit dem letzten Drittel (113 Mrd. €) wurden Auslandschulden getilgt, worunter zum Teil auch die von Varoufakis genannten Forderungen ausländischer Banken fallen.

Ende März 2010 hatten griechische Schuldner gegenüber französischen Banken noch 53 Mrd. €, und gegenüber deutschen 33 Mrd. € ausstehend. Diese Risiken haben die Banken aus ihren Bilanzen bereits entfernt.

Varoufakis hat sich somit in der Grössenordnung eklatant vertan – ein guter Teil der Gelder kam den Griechen zugute, wenn auch nicht unbedingt so, wie sich dies die Helfer und Athen ausgemalt hatten.

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Hans-Werner Sinn führt in einem Aufsatz aus, dass Griechenland seit längerem über seine Verhältnisse lebt. Am Anfang stand ein beispielloser Kreditboom, der nach dem Beitritt zur Euro-Zone einsetzte. So betrug der Zins für zehnjährige griechische Staatsanleihen Anfang der 1990er Jahre 25%, sank bis zum Euro-Beitritt 2001 jedoch auf 5%. Der Kreditboom heizte die Lohnentwicklung an, die weit über dem Produktivitätsgewinn lag. Seit 2005 übersteigt nun der Konsum das Volkseinkommen. Eine solche Volkswirtschaft lebe von der Substanz, sagte Sinn.

Gemäss einer Ifo-Studie zu 70 Ländern, die in der Nachkriegszeit bankrottgingen und ihre Währung abwerteten, setzte in fast allen Fällen nach ein, zwei Jahren ein Aufschwung ein. Sinn ist deshalb überzeugt, dass eine Umstellung auf die Drachme Besserung brächte.

Die Kapitalflucht würde sofort gestoppt. Vielmehr ergäben sich bei einer Abwertung gegenüber dem Euro – zum Beispiel um 50% für ausländische Investoren attraktive Gelegenheiten – wenn sich etwa die Immobilienpreise halbierten. Dies könnte zu einem Bauboom führen. Griechenland würde zudem für Touristen attraktiver. Schliesslich fragten die Griechen vermehrt heimische Produkte statt teure Importe nach, was der Landwirtschaft zugutekäme.

Natürlich wäre ein solcher Schritt für die Gläubiger nicht gratis. Sinn empfiehlt gar, Athens Staatsschulden ebenfalls von Euro auf Drachme umzustellen, was automatisch einen Schuldenschnitt bedeutete. Zudem plädiert der Ökonom dafür, dem Land vorübergehend beim Kauf importierter Medikamente unter die Arme zu greifen.

Giannis Varoufakis der griechische Finanzminister und Spieltheoretiker hat heute Donnerstag einmal mehr beim Ministertreffen in Luxemburg seine Kollegen scharf beobachtet. Immerhin hat er erreicht, dass das nächste Treffen erst nach dem Wochenende stattfindet und damit der Grexit aufgeschoben ist. Auch in dieser letzten Minute vor dem Bankrott spielt er sein „Chicken Game“ weiter! Das sogenannte Chicken Game, wie es etwa aus dem George-Lucas-Filmklassiker „American Graffiti“ bekannt ist.

  • Zwei Autos rasen aufeinander zu – wer zuerst ausweicht – hat bereits verloren.

In unkooperativen Spielen gibt es eben keine bindenden Absprachen, meint er. Die Spieler können sagen, was immer sie wollen, es gibt keine externe Stelle, die sie dazu zwingen kann zu tun, was sie zugesagt haben.

Griechenland ist also noch nicht bankrott ­ jedenfalls nicht offiziell – auch wenn die Staatskassen fast leer sind. Aber viele Bürger des Eurolandes stellen sich auf eine mögliche Staatspleite ein. Dafür spricht die Rekordsumme, die sie in dieser Woche von den griechischen Banken abgezogen haben: Bis Freitag waren dies rund 3 Milliarden Euro. Und am Freitag selbst nach inoffiziellen Angaben aus Athen noch einmal 1,5 Milliarden. Die Europäische Zentralbank (EZB) stockte die Soforthilfen für das griechische Banksystem erneut auf, ohne genaue Angaben zu machen. Erst am Mittwoch hatte die EZB schon 1,1 Milliarden Euro gewährt.

Viele Griechen fürchten, dass es in Kürze Kapitalverkehrskontrollen in ihrem Land geben wird. Diese sollten eigentlich einen Bank-Run, einen Schaltersturm, verhindern. Der aber hat längst begonnen. Die Panik hat auch Bankangestellte erfasst. Insidern zufolge ist sich die EZB nicht sicher, ob die Geldinstitute am Montag noch ihre Schalter öffnen können. Ein ausländischer Unternehmer erzählte, ihm habe man in einer Filiale im Süden der griechischen Hauptstadt geraten: «Heben Sie alles ab.»

Schlangen gab es vor den Automaten am Freitag noch nicht. Aber besorgte Stimmen. Ein 62-jähriger pensionierter Matrose sagte: «Ich hole nur ein bisschen Geld zum Einkaufen. Es ist mir egal, ob die Banken schliessen. Wir verhungern sowieso – mit oder ohne Euro.»

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