Wer sind wir eigentlich? Woher kommen und wohin gehen wir?

Im Jahre 2015 gedenkt die Schweiz mehrerer bedeutender, historischer Ereignisse. 1315 Schlacht bei Morgarten, 1515 Schlacht bei Marignano und schliesslich 1815 Abschluss des Wiener Kongress unter Zeitdruck. Woher kommt das Bedürfnis, solche Jubiläen zu feiern?

Der emeritierte Professor für politische Philosophie Georg Kohler (geb. 1945) meint, dass die Zukunft eines Jeden auch die Herkunft braucht. Mit der Geschichte versichern wir uns unserer eigenen Identität. Sie erzählt uns, wie wir wurden und was wir sind. Das geht aber nicht ohne Interpretation, denn je nach Erzählung und Zeitgeist entsteht ein anderes Selbstbild.

Die Geschichte soll also immer eine Interpretationsfrage sein?

Professor Kohler meint; „Ja immer! Sie bringt oft zufällige Ereignisse auf die Reihe, die dann als fast schon zwangsläufig wirkende Historie funktioniert und das WIR Gefühl eines Landes bestimmt.“

„Dabei ist es unwichtig ob es sich so oder anders zugetragen hat. Sie zeigt uns einfach wer wir angeblich sind – oder auch nicht. Eigentlich müsste man von Geschichtsmyten sprechen und mit diesen lässt sich auch sehr gut Politik machen. Man erinnert sich an Dinge, die in das eigene Bild passen und den Rest ignoriert man einfach. So gab es auch Zeiten, wo der Bestand der Schweiz an einem seidenen Faden hing!“

Erst in letzter Sekunde entschloss sich beispielsweise die Tagsatzung, doch noch eine Abordnung an den Wiener Kongress von 1815 zu senden wo es um nicht weniger als um die Neuverteilung von Territorien in ganz Europa ging.

wiener-kongressDer Wiener Kongress von 1814/15 war ein diplomatisches Grossereignis. Noch nie waren so viele Fürsten zusammengekommen, um direkt miteinander zu reden und zu verhandeln. Alle folgten der Einladung des Gastgebers, des österreichischen Kaisers Franz I: Zar Alexander I., der preussische König Friedrich Wilhelm III., der britische Aussenminister Lord Castlereagh, der doppelzüngige Talleyrand aus Paris..

Es wimmelte nur so von Fürsten und Gesandten aus den Mittel- und Kleinstaaten, welche die tonangebenden Vertreter der Grossmächte umschwärmten. Die wichtigste Gestalt war indes nicht der Gastgeber selber, sondern dessen Aussenminister Clemens Fürst von Metternich. Er führte eigentlich Regie.

Von Seiten der Eidgenossen besonders erfolgreich im Lobbyieren war die Genfer Delegation mit Charles Pictet de Rochemont an der Spitze. Dieser Gentleman traf sich jeden Morgen um fünf Uhr mit Johannes Graf Capo d’Istria, einem einflussreichen Berater des Zaren – was übrigens auch beweist, – dass einige Abgesandte nicht nur den Wiener Walzer tanzten, sondern auch hart arbeiten mussten um zum Ziel zu gelangen.

Dank den guten Beziehungen zur russischen Delegation gelang es, die internationale Zustimmung zum Beitritt Genfs zur Eidgenossenschaft zu erwirken, das Genfer Territorium auf Kosten Frankreichs und Savoyens zu arrondieren und die Schweizer Neutralität problemlos bestätigen zu lassen.

Pictet verrichtete seine Arbeit so gut, dass ihn die Tagsatzung – sobald Genf dem Bund beigetreten war – als ihren Vertreter an die Zweite Pariser Friedenskonferenz von 1815 kurz darnach entsandte.

Unschätzbare Dienste leistete auch der Waadtländer Gesandte Frédéric César de Laharpe. Zar Alexander begegnete seinem ehemaligen Erzieher immer noch mit Hochachtung und hegte für dessen Heimat eine unerschütterliche Zuneigung.

Je länger sich die Verhandlungen hinzogen, umso mehr drohten die Teilnehmer das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren und sich in Teilfragen zu verheddern – ein typisch multilaterales Syndrom.

Doch da kam Hilfe von unerwarteter Seite. Napoleon entfloh aus seiner Verbannung auf Elba, eroberte Frankreich erneut im Sturm und versetzte die Diplomaten in Wien in Angst und Schrecken. Angesichts der eminenten Gefahr verabschiedeten diese in Windeseile im Juni 1815 die Kongressakte. Was man in der Hast nicht mehr erledigen konnte, nahm man mit nach Paris und regelte es im Zweiten Pariser Friedensvertrag von November 1815 in der Aera nach der Schlacht bei Waterloo welche Napoleon am 18. Juni 1815 verlor.

Schlacht bei Waterloo/BE

Schlacht bei Waterloo/BE

Die Schlacht 15 km südlich von Brüssel gegen den Preussen Gebhard von Blücher (48‘000 Mann) und Arthur Wellesley, 1. Duke of Wellington (68‘000 Mann) verlor Napoleon (72‘000 Mann) in seiner letzten, 4tägigen Schlacht nur knapp. Dann wurde er endgültig auf die britische Insel St. Helena verbannt, auf halbem Weg inmitten des Atlantik zwischen Südamerika und Afrika etwa 2800 km östlich Brasilien‘s.

Sechs Jahre unter der ständigen Aufsicht englischer Soldaten und des Gouverneurs Hudson Lowe. Letzterer hatte eine panische Angst, seinen prominenten Gefangenen zu verlieren.

Eine wahre Paranoia. Er sah überall Fluchtmöglichkeiten. Und so machte er nicht nur Napoleons Leben regelrecht zur Hölle, sondern auch das seinige. Abgesehen von vielen Wachposten um Napoleons Wohnstätte und in den umliegenden Hügeln liess er auch unzählige Kanonen auf der Insel installieren.

Das eigentliche Verdienst des Wiener Kongresses bestand also darin, nach mehr als zwanzig Jahren Krieg und Zerstörung eine lang dauernde Friedensordnung geschaffen zu haben. Diese funktionierte fünfzig Jahre lang gut und nachher nochmals fünfzig Jahre lang schlecht und recht, ehe sie vor dem Ersten Weltkrieg nach dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 und dem Tod von Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand, und seiner Gemahlin Sophie Chotek unterging.

Die Stabilität wurde freilich durch ein massives Interventionsrecht für die Grossmächte erkauft. Das missfiel schon damals Allen – ausser den Monarchisten. Die Bilanz ist somit durchaus zwiespältig.

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