Trotz Krise und Kriegen: Die Gründe, warum der Ölpreis sinkt!

Im Irak zerfällt der Staat, in Israel und dem Gaza-Streifen fallen die Bomben, und zwischen Russland und der EU droht ein Wirtschaftskrieg. Die Ölpreise sinken seit Monaten, zuletzt sind sie unter 82 Dollar gefallen. Wie passt das zusammen?

Am globalen Rohstoffmarkt spielt offenbar dieser Tage die Welt verrückt. Während früher nur beim Verdacht es könnte ein Krieg ausbrechen die Ölpreise stiegen ist heute das Gegenteil zu beobachten.

Die US-Sorte WTI und das Rohöl der Opec-Staaten kosten schon jetzt weniger als 79 Dollar pro Barrel (159 Liter). Und die für die Märkte so wichtige Nordseesorte Brent ist kurz davor, diese Marke zu unterschreiten. Mitte Juni kostete ein Barrel Brent noch fast 114 Dollar. Auf den ersten Blick erscheint die Entwicklung paradox. Tatsächlich gibt es jedoch gute Gründe für sie.

Die globale Ölproduktion wurde von den zahlreichen Krisen bisher kaum beeinträchtigt und das Angebot blieb stabil.

  • Russland ist zwar einer der größten Ölförderländer der Welt. Doch ein Einbruch der Exporte ist trotz Ukraine-Krise kaum wahrscheinlich. Russische Sanktionen gegen die EU und USA sind in diesem Sektor nicht vorgesehen. Und die westlichen Sanktionen werden erst mittelfristig dazu führen, dass Russland Kapital und Technologie für die Ölförderung fehlen. „Auswirkungen werden wohl erst in einigen Jahren sichtbar„, sagt der Energiemarktexperte Steffen Bukold vom Branchendienst Energycomment.
  • In Iran deutet sich eine Aufweichung des Ölembargos an, das die USA und die EU vor gut zwei Jahren verhängt haben, um Teheran zur Aufgabe seines Atomprogramms zu bewegen.
  • In den USA legt die Ölproduktion dank umstrittener neuer Fördermethoden (Fracking) zu, in Kanada die Produktion aus Ölsanden.
  • Eigentlich will sich der Irak in den kommenden Jahren zur neuen Ölsupermacht aufschwingen. Energieminister Hussain al-Shahristani will die Produktion bis 2020 von derzeit drei auf rund sechs Millionen Barrel pro Tag steigern, bis 2035 gar auf 8,3 Millionen Barrel.
    • Regierungen und Unternehmen setzen grosse Hoffnungen in diese Pläne. Denn die globale Nachfrage wird nach IEA-Schätzungen auf absehbare Zeit jedes Jahr um gut eine Million Barrel pro Tag zunehmen. Das zusätzliche Öl soll aus dem Irak kommen.

    Chart-OelVor wenigen Jahren hätte ein einziger Krieg wie in der Ukraine oder Syrien gereicht, um den Ölpreis explodieren zu lassen. So schnellte der Kurs selbst im Frühjahr 2011 noch bis auf 126 Dollar je Barrel (159 Liter) an, als der Arabische Frühling, die Freiheitsbewegung in vielen arabischen Ländern, begann. Doch diesmal brennt es gleich an mehreren Ecken, die Welt ist so unsicher wie lange nicht mehr. Doch der Ölpreis sinkt.

    TransoceanDie Talfahrt bewirkt beim grössten Vermieter von Bohrinseln „Transocean“ einen Verlust von mehr als zwei Milliarden Dollar im dritten Quartal 2014.

    Denn seit dem kleinen Zwischenhoch Anfang Juni bei 115 Dollar je Fass (entspricht 159 Liter) der Nordseesorte Brent ist der Preis praktisch unablässig gesunken. Inzwischen steht er nur noch knapp über der Marke von 82 Dollar und damit auf dem tiefsten Niveau seit mehreren Jahren. Das klingt unlogisch und überaus seltsam.

    Dies ist eine sehr dezente Beschreibung für eine wahre Revolution, die an diesem Markt in den vergangenen Jahren stattgefunden hat. «Die USA produzieren inzwischen eine unglaubliche Menge an Rohöl selbst, das sie früher importieren mussten», sagt Ed Morse, Chefanalyst für Rohstoffe bei der Citigroup.

    Rund 7,2 Millionen Barrel pro Tag importierte das Land noch im Mai 2014, also 26 Prozent weniger als vor einem Jahr. Der weltweite Verbrauch liegt bei rund 90 Millionen Barrel pro Tag. Seit 2008 ist die eigene Produktion der USA dagegen um drei Millionen Barrel pro Tag gestiegen. Heute liegt sie bei 8,5 Millionen Barrel pro Tag und damit so hoch wie seit 1987 nicht mehr. Gemäss der US-Energieagentur soll die Förderung schon im kommenden Jahr auf 9,28 Millionen Barrel pro Tag steigen.

    Entscheidend trägt das sogenannte Fracking dazu bei, also das Herauslösen von Öl oder Gas aus tiefen Gesteinsschichten mit Hilfe von chemischen Zusätzen.

    Und werden die Prognosen wahr, dann wird vermutlich Amerika beinahe bis zum bisherigen Ölgiganten Saudi-Arabien aufschliessen, dessen Produktion derzeit bei etwa 11,5 Millionen Barrel pro Tag liegt. Gleichzeitig würden auch die USA-Importe weiter zurückgehen, der internationale Rohölmarkt noch weiter unter Druck kommen.

    Die Förderkosten seien inzwischen so günstig, dass auch beim nördlichen Nachbarn der USA es zu einem wahren Förderboom kam. Derzeit produziert Kanada rund 3,5 Millionen Barrel Rohöl aus Schiefersand pro Tag. Bis 2025 werde sich diese Menge nach Nelsons Schätzung jedoch verdoppeln. Dann würde auch Kanada zu den ganz grossen Ölproduzenten gehören.

    Dies ist vor allem für all jene Diktaturen und halbseidenen Potentaten schlechte Nachrichten, die in den vergangenen Jahrzehnten der westlichen Welt den Ölpreis diktieren konnten und sich dazu in der Opec zusammengeschlossen hatten. Ole Hansen von der Saxo Bank erwartet daher, dass diese demnächst reagieren werden. Die Opec-Länder könnten dann mit Förderkürzungen reagieren, um so das Angebot zu verknappen. In der Vergangenheit funktionierte dies immer bestens, weil die geringeren Mengen dann umso höhere Preise brachten, die Einnahmen also sogar stiegen.

    Diesmal könnte allerdings auch dieser Mechanismus nicht mehr funktionieren, da im Gegenzug einfach die USA und Kanada ihre Fördermengen erhöhen könnten. Der Ölpreis dürfte also eher noch weiter sinken, trotz Krise und Kriegen.

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