Seit über 100 Jahren wird der Strassenbau vom Bund vernachlässigt!

„Wir möchten sie höflichst ersuchen, dahin zu wirken, dass sich der Herr Bez. Ing. Danuser gegenwärtig nach Campi (Tiefencastel) begibt, um sich von dem traurigen Zustand der Strasse selbst zu überzeugen. Man braucht sich dann nicht zu verwundern, wenn der Postwagen eines Tages mit gebrochenen Achsen und Rädern nicht mehr weiter kommt.“

Brücke oberhalb Mühlen

Brücke bei Furnatsch GR

Bereits vor über 100 Jahren stand die Bahn in Konkurrenz zur Strasse. Mit dem rasanten Bau von Gebirgsbahnen durch den Bund war für die Strasse kein Geld mehr für den dringenden Unterhalt der Strasse vorhanden. Am schnellsten spürten es die Fuhr- und Postpferde-Halter. Dieser Darstellung konnte die Pferdeposthalterei Thusis damals nicht unterschreiben. Am 25. März 1902 veranlasste sie die Kreispostdirekton in Chur, an die schweizerische Postverwaltung in Bern zu gelangen.

Joseph Balzer

Joseph Balzer

Das traf dann schon nach knapp zwei Wochen ein. Am 8. April 1902 befasste sich der Kleine Rat mit einem Telegramm vom Schyn: Am 5. April 1902, nachmittags um 6 Uhr ging von Fuhrhalter Joseph Balzer in Tiefencasten von Thusis her folgendes Telegramm ein:

„Strassenbaudepardement Chur. Schynstrasse unfahrbar. Heute Fuhrwerk wieder mitten in der Strasse umgeworfen. Es ist eine Schande, eine solche Strasse zu dulden. Wenn nicht schleunigst Abhülfe geschafft wird, werde ich mich andernorts wenden! Mache sie für allen Schaden verantwortliche. Balzer.“

Das kam den gnädigen Herren in Chur in den falschen Hals und sie beschlossen, den Absender wegen der unziemlichen Ausdrucksweise dieser Depesche aufgrund von Art. 35 der kleinrätlichen Geschäftsordnung mit einer Busse von Fr. 10.- zu bestrafen.

Pferdeposthalter Balzer hatte seine Gründe, sich abfällig über das Strassenbaudepartement auszulassen, wurde er doch immer wieder von Unfällen die teils auf den schlechten Strassenunterhalt zurückzuführen waren, heimgesucht.

1890 traf es ihn gleich zweimal – beide Male allerdings – ohne dass objektive Gefahrenquellen die Ursache waren. Am Montagabend im März 1890 fuhr er von Cazis her gegen Thusis mit einer Ladung Salz und Hafer, die von sechs Pferden gezogen wurde, während zwei Pferde hinten am Wagen angebunden waren.

Bald nachdem er den „Cazner Bach“ passiert hatte, wurden die Pferde plötzlich aus unbekannter Ursache scheu und im Nu befanden sich Pferde, Wagen und Fuhrmann in der Wiese unterhalb der Strasse. Herr Balzer wurde hoch im Bogen in die Wiese hinunter geworfen, kam jedoch mit dem Schrecken davon; ebenso sind auch die Pferde ohne Schaden davongekommen, der Wagen aber wurde stark beschädigt.

Zwei Monate später vernehmen wir, dass Pferdeposthalter Balzer an einem Samstag ein Unglück zugestossen sei. Auf der Fahrt von Mühlen nach Tiefenkastel – wobei ihm die Post vor und ein Einspänner nachfuhr – wurde er vom letzteren, dessen Pferd aus unbekannter Ursache scheu wurde und ausriss, aus dem Wagen geworfen und erlitt verschiedene Kontusionen; dasselbe passierte seinem Knecht, doch soll es beiden in der Zwischenzeit wieder besser gehen.

Und dann ärgerte sich ein Silser Fuhrmann über die unsinnigen Verkehrsvorschriften: „Gestern Nachmittag brannte in Sils ein Pferd des Herrn Pferdeposthalters Balzer aus Tiefenkastel durch, bei welcher Gelegenheit ein Mann, welcher das scheue Tier aufhalten wollte, nicht unerheblichen Schaden nahm. Es wäre der Verkehrssicherheit entschieden mehr gedient, dass die zuständige Behörde die Bestimmung aufstellen würde, kein Pferd dürfe auf der Strasse unangebunden alleine belassen werden, als dass ein Fuhrmann wegen Fahren mit nicht angezündeter Laterne in mondheller Nacht gebüsst wird!“

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1 Antwort zu Seit über 100 Jahren wird der Strassenbau vom Bund vernachlässigt!

  1. Postwagen sagt:

    Also die Strassen mögen ja heute nicht im besten Zustand sein, aber einen Achsenbruch wie bei dem Postwagen vor 100 wird es in der Schweiz wohl nicht mehr geben. Viel ärgerlicher finde ich da schon, wenn die Strassen nicht genug Fahrbahnen haben.

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