Der Traum von Erwin: Vom Schweizer Goldschmid zum Irischen Bauern!

Es verspricht ein herrlicher Tag zu werden als wir uns morgens etwa 10 Meter vom Rinn Lough bei Mohill gegen 0830 Uhr aus der warmen Daunendecke schälen. Ausnahmsweise ist es heute strahlend blau und so entschliesse ich mich das Erste Mal in kurzen Hosen unsere Camperreise in Irland fortzusetzen.

Die vergangenen vier Tage und Nächte – wo zu Ehren der Banken gefeiert wird – war unser Platz am See von irischen Gästen gut besetzt. Weil das Wetter nicht auf Italienisch glänzte reisten schon viele Iren vorzeitig ab. Wir waren mit etwa 3 Irischen Familien und einem VW-Bus aus GB noch übriggeblieben. Unser täglich Brot war zu Ende und so mussten auch wir heute ohne Morgenessen – aber immerhin mit einem Kaffee im Bauch – das Einkaufszentrum in Mohill aufsuchen bevor es Richtung Westen nach Castelbar weiterging.

Am Dienstag nach Bank-Holiday (Feiertage) fahren wir also auf einer Nebenstrasse – der R370 – an der Nordirischen Grenze entlang Richtung Westen. Plötzlich stand ein jüngerer Mann im Uebergewand inmitten der etwa 6 Meter breiten R370 und winkte uns zu, wir sollten bei unserer ohnehin schon langsamen Fahrt diese noch weiter verringern. In weiter Ferne sahen wir dann, dass irgend etwas unseren Weg versperrte. Beim vorsichtigen Nähern gewarten wir einen Maschininisten welcher soeben seinen Löffelbagger auf einen Tieflader manövrierte und dabei gut zweidrittel der Strasse versperrte.

Unser Ausweichmanöver in die Einfahrt eines Bauern half nichts. Wir mussten unser gut 2.12 Meter breites Gefährt weitere etwa 30 Meter zurücksetzen. Kaum hatten wir dies getan erschien ein älterer Herr bei Heidy welche noch immer ausserhalb des Campers stand – eben dieser Bauer dessen Einfahrt wir versperrt hatten – und fragte uns, ob wir Zeit für eine Besichtigung seiner Farm hätten.

Natürlich haben wir Zeit – den heute wollen wir ja nur noch bis Castelbar weiterfahren. Dieses einemal dürfen wir den Camper so in seine Einfahrt stellen, dass die gesamte Zufahrt versperrt bleibt.

Wer ist hier der Bauer Erwin?

Wer ist hier der Bauer Erwin?

Der ältere Herr (75 Jährig) mit Deutschen Wurzeln stellt sich sofort als Erwin vor, der im „Bärnbiet“ als Goldschmid lange Jahre gearbeitet habe . Auch seinen Farmer stellte er uns vor. Dann folgte eine Besichtigung zu Viert. Die nicht allzu grosse aber feine Familienfarm dient der Selbstversorgung zweier irischer Familien.

Dabei erfahren wir, dass hier im flachen Moorgebiet nur etwa 5 – 10 cm Humus über dem Lehmboden liege und dass man mit einem einmaligen normalen Pflügen über Jahre hinaus sein Land unfruchtbar mache könne. Ein etwas zu tiefes Pflügen hole sofort die Lehmschicht an die Oberfläche und mache die Wiese oder den Acker für Jahre unbrauchbar. Zudem müsse jeder Weg hier mit Tonnen von Kies für Traktoren befahrbar gemacht werden.

Erwin hat zusammen mit seinem Farmer gelernt, die irischen Besonderheiten von Boden und Tieren zu achten und damit schonend umzugehen. Sein irischer Schafbock hat er mit holländischen Schafen gekreuzt. Hühner geben in erster Linie nicht Eier sondern liefern Mist und die etwa 2000 Jahre alte Rindergattung zeichnen sich weder durch viel Fleisch noch Milch aus. Durch den biologischen Landbau durchstehe die alte Rindergattung auch Kälte von bis zu 20 Grad minus (normal – 6 Grad) und liefern nahrhaftes Fleisch und wenig aber fette Milch. Die Kühe verbringen die meiste Zeit auf den Weiden und werden nur bei schlechtem, nassem Wetter im Stall gehalten damit sie ihre Weiden nicht verdichten und damit zerstören können. Ansonsten werden die Weiden immer nur parzelliert und damit temporär freigegeben.

Zwei grosse Fettwiesen dienen als Heuvorrat für den Winter. Sie geben nur garademal einen Schnitt im Juli und wenn’s gut kommt im August noch Einen. Bei den geweideten Wiesen müssen noch die stehengeblieben Halme noch gemäht werden.

Auf einer umzäumten Fläche von etwa 2 ½ Aren hat Erwin auch noch Kartoffeln angebaut, die anfangs Juni mit wenig Kraut ihr Wachstum anzeigen wollen.
Ansonsten betreibt Erwin mit einem ausgeklügelten System von Abwärme und Windschutz durch Mäuerchen in seinem Gewächshaus bzw. Freilandgärten auch den Anbau von Erdbeeren, Pfirsiche, Aprikosen, alte Birnen und Boskop-Sorten. Daneben pflanzt er auch noch ganz normales Gemüse währendem auf den Dächern etwa 5 KW/h Solarpaneele den notwendigen Strom liefern. Ansonsten merkt man in seinen Aussagen das Bedauern über die hohen Anlauf- bzw. Dauerstromleistungen von heutigen Staubsaugern und anderen Haushaltgeräten an welche das Zuschalten von Netzstrom notwendig machen würde.

Für das Alter von sich und seiner Frau hat er mit dem Bau eines „Stöcklis“ vorgesorgt und zu guter Letzt zeigte er uns noch seinen mit Torf geheizten Küchenofen wo gerade Kartoffeln für die Hühner weichgekocht werden. Direkt angrenzend – in einer Art Wintergarten – besichtigen wir seine Goldschmiede-Werkstatt wo er auch heute noch vereinzelt Schmuckstücke anfertigt und verkauft.

In seiner Küche hängen verschiedene aktuelle Farbfotos seiner Enkelkinder. Darauf angesprochen meint Erwin einfach er hoffe noch immer, dass seine Schwiegertochter als Aerztin hierher komme um eine Art Klinik für ältere Patienten einzurichten. Damit könne sie das wahre Leben ohne Hektik und die enge Schweiz kennen lernen.

Über muck

Senior Projektleiter mit Freude am Sport
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