Das unabhängige Rätien und die Schweiz im Zeitalter der Französischen Revolution um 1800

Soziale Situation in Rätien und der Alten Eidgenossenschaft

Tagsatzung um 1531 bis 1799

In weiten Teilen des unabhängigen Rätiens und der Eidgenossenschaft waren die einfachen Landleute von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen. Sie durften kein Gewerbe betreiben das die städtischen Zünfte konkurrenziert hätte. Die Bauern waren nach wie vor Leibeigene der gnädigen Herren und es herrschte immer noch eine Feudalgesellschaft. Sie wurden mitsamt dem Hof den sie bewirtschafteten wie Vieh und Fahrhabe gehandelt, mussten Frondienste verrichten und wurden von verhassten Landvögten hochmütig behandelt und schikaniert – ziemlich genau so, wie sie es seit der Gründungszeit der Eidgenossenschaft den habsburgischen Vögten vorwarfen! Es erstaunt denn auch nicht, dass es zu Aufständen kam und dass die unterdrückte Landbevölkerung sich dabei – wie schon im Bauernkrieg von 1653 – auch auf den Freiheitshelden Wilhelm Tell berief.

Ganze Bevölkerungsteile waren unzufrieden und so sind 1719 bis 1722 der Aufstand von Werdenberg gegen Glarus und 1755 derjenige der Leventina gegen Uri zu verzeichnen.

Lediglich im Toggenburg konnten sich die Bürger einige neue Rechte erkämpfen. Aber schon 1782 erzwang eine Truppe von 11’000 französischen, bernischen und piemontesischen Soldaten die Wiederherstellung (Restauration) der alten Adelsherrschaft.

Die Aufklärung
In der Folge kamen im 18. Jahrhundert immer mehr Persönlichkeiten aus dem Kreise der herrschenden Familien zu neuen politischen Vorstellungen. Zürich wurde ein Zentrum der deutschsprachigen Aufklärungsliteratur mit Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger. Schliesslich kam es 1761 zur Gründung der Helvetischen Gesellschaft. Die Gründer Isaak Iselin aus Basel, Salomon Hirzel, Salomon Gessner und Johann Heinrich Schinz aus Zürich trafen sich von nun an jährlich in Bad Schinznach um gemeinsam Geschichte und Zukunft der Schweiz zu diskutieren. In seiner Präsidentenansprache von 1777 forderte Johann Georg Stokar aus Schaffhausen ultimativ einen zentralistischen schweizerischen Einheitsstaat und gleiche Rechte für alle Bürger der Schweiz.

Es folgten weitere Forderungen, wie beispielsweise 1790 die Aufhebung der Leibeigenschaft in Basel und Hallau oder die Verweigerung des Zehnten 1793 in Gossau SG (Zall nünt, du bist nünt scholdig). 1794 erhoben sich auch die Bauern im noch immer selbständigen Rätien gegen Herrschaft, Kirche und Feudalherren.

Einfluss der Französischen Revolution
1797 verlangte die Landbevölkerung des Baselbiets – unterstützt von liberalen Politikern aus der Stadt – Freiheit und Gleichheit. Der Rat zögerte zunächst. Nun drohten die Revolutionäre offen mit einer französischen Intervention, steckten die Schlösser Waldenburg, Farnsburg und Homburg in Brand und zogen bewaffnet gegen Basel.

Die 1. Helvetische Republik von 1798 bis 1803
Nach dem Rücktritt des konservativen Bürgermeisters Andreas Merian war der zögerliche Rat endlich bereit, die berechtigten Forderungen der Landbevölkerung ohne Blutvergiessen zu erfüllen. Man führte eine Vereinigungsfeier durch. Peter Ochs reiste nach Paris um dort an einer Helvetischen Verfassung für die ganze Schweiz zu arbeiten. 121 Abgeordnete aus den Kantonen Aargau, Basel, Bern, Fribourg, Léman, Luzern, Berner-Oberland, Schaffhausen, Solothurn und Zürich versammelten sich am 12. April 1798 in Aarau um die Helvetische Republik auszurufen und ihre neue Verfassung formell zu beschliessen.

Frankreich hatte Genf, Neuenburg, Biel, den Jura und Mulhouse annektiert. Das Veltlin, Bormio und Chiavenna hatten sich von der Bündner Herrschaft schon im Juni 1797 losgesagt und sich der Cisalpinischen Republik angeschlossen. Die Verfassung der Helvetischen Republik war derjenigen der Französischen Republik sehr ähnlich, mit einem Parlament (zwei Kammern), einer zentralen Regierung (Direktorium) und einem obersten Gericht. Die föderalistische Struktur der Schweiz wurde völlig eliminiert. Äusseres Zeichen der Anlehnung an das französische Vorbild war die Einführung einer Trikolore [dreifarbige Flagge] in den Farben grün-rot-gold.

Helvetische Republik 1799

Die Urschweiz war bei der Gründung nicht dabei und lehnte die Helvetische Republik ab. Man wollte sich die neue Verfassung und den zentralistischen Einheitsstaat nicht von den Franzosen aufzwingen lassen. Die Revolutionäre aber versuchten die neue Ordnung mit Hilfe von französischen Truppen durchzusetzen, Uri, Glarus und Schwyz nahmen die Helvetische Verfassung vom 28. 3. 1798 erst an, als die Franzosen in grosser Überzahl anrückten und sie keine Hilfe fanden. Nidwalden wehrte sich bis zuletzt. Stans wurde erobert und ging in Flammen auf. Viele Kinder wurden zu Waisen. Die helvetische Regierung errichtete in einem ehemaligen Kloster ein Waisenhaus unter Leitung des berühmten Erziehers Johann Heinrich Pestalozzi, der zum Vater der allgemeinen Volksschulbildung in der Schweiz wurde.

1798 schlossen die Drei Bünde ein Militärbündnis mit Oesterreich. Frankreich betrachtete dies als Neutralitätsbruch.

Im März 1799 marschierten französische Truppen in der Surselva und im Unterengadin ein wobei es zu heftigen Kämpfen kam. Der Aufstand im Mai 1799 gipfelte in der Niederlage von 6’000 Oberländern in der Schlacht von Reichenau. In diesem und weiteren Gefechten fielen auch 638 Einheimische. Die Dörfer Tamins und Disentis wurden von den französischen Soldaten in Schutt und Asche gelegt. Sie rächten sich blutig an der Zivilbevölkerung für Massaker, welche die Bündner an französischen Gefangenen verübt hatten. Während dieser Geschehnisse erlangte Anna Maria Bühler heldenhafte Berühmtheit als „Kanonenmaid von Ems“. Beim Rückzug durch ihr Dorf griff sie in die Zügel der Pferde welche ein französiches Geschütz zogen, so dass die Bauern die Kanone erobern konnten.

Löwenapotheke in Steyr

Der Waffenstillstand zwischen Österreich und Frankreich, dem der Friede von Lunéville folgte, wurde am 25. Dezember 1800 in Steyr in der heutigen Löwenapotheke unterzeichnet. Der Krieg endete mit dem Frieden von Lunéville. Österreich musste Graubünden-Rätien räumen. Das Gebiet der „Drei Bünde“ wurde als Kanton Rätien in die Helvetische Republik integriert.

Um sich gegen die reaktionären Kräfte (vor allem aus Österreich-Ungarn) zu schützen, schloss das Direktorium der Helvetischen Republik mit Frankreich ein Militärbündnis ab. In Wirklichkeit wurde die Helvetische Republik aber durch das Bündnis in die Napoleonischen Kriege hinein gezogen und zum Kriegschauplatz fremden Mächte.

Besetzung durch fremde Truppen
Der französische General Napoleon Bonaparte hatte Italien im 1. Koalitionskrieg (1792-1797) gegen die Koalition von England, Österreich, Spanien und Deutschland erobert und 1797 die Cisalpinische Republik in Norditalien gegründet, der sich u.a. die Bündner Untertanengebiete (Veltlin und Bormio) anschlossen. 1799 putschte sich Napoleon mit einem Staatsstreich in Frankreich an die Macht.
Im 2. Koalitionskrieg (1799-1802) zwischen Frankreich und den Gegnern England, Österreich, Russland wurden Süddeutschland und Norditalien und – seit Jahrhunderten nicht mehr gekannt – die Schweiz zu Hauptkriegsschauplätzen. Die Österreicher gewannen eine erste Schlacht bei Zürich, die Franzosen dagegen die zweite, während der russische General Suworow eine Armee von 25’000 Soldaten von Italien über die verschneiten Alpen heranführte und schliesslich doch zu spät kam. Bei der Überquerung des Gotthardpasses, des Kinzigkulm, des Pragel-Passes und des Panixerpasses starben insgesamt etwa 10’000 Mann. In der gegen die Helvetische Republik eingestellten Zentralschweiz wird daher die Erinnerung an General Suworow bis heute hoch gehalten.

Trikolore 1. Helvetische Rupublik

Die französische und die helvetische Republik gewannen zwar den zweiten Koalitionskrieg von 1799, aber sie verloren den Frieden. Die Helvetische Republick brachte die Abschaffung der Leibeigenschaft und der politischen Untertanenverhältnisse, es wurde auch nach dem Vorbild des französischen „code penal“ ein einheitliches Strafgesetzbuch in Kraft gesetzt, das zahlreiche mittelalterliche Rechtsvorschriften ablöste und unter anderem endlich die Folter abschaffte. Die Volksschulbildung wurde stark verbessert – voll wirksam wurde diese allerdings erst über mehrere Generationen von Schülern hinweg, so dass die Voraussetzungen für eine moderne Demokratie eigentlich erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts richtig geschaffen wurden. Eingeführt wurde auch (ein erstes Mal) der Schweizer Franken, der als Einheitswährung einen grossen Münzwirrwarr ablöste.

Ende der 1. Helvetischen Republik 1803
Frankreich wurde eine Militärdiktatur des Generals Napoleon Bonaparte, die Helvetische Republik erlebte mindestens vier Staatsstreiche zwischen 1800 und 1802 und ging im inneren Chaos unter. Als Napoleon die französischen Truppen im Juli 1802 aus der Schweiz abzog, sahen die Föderalisten ihre Zeit gekommen: Am 1. August 1802 versammelten sich die Landleute von Schwyz, Nidwalden und Obwalden zur althergebrachten Landsgemeinde. Appenzell, Glarus und Graubünden stellten ebenfalls ihre alten kantonalen Institutionen wieder her. Selbst die Stadt Zürich stellte sich gegen die Helvetische Regierung. Vertreter des Ancien Regime kehrten aus dem ausländischen Exil zurück und führten mit Stecken und Werkzeugen behelfsmässig bewaffnete Bauern gegen die helvetischen Truppen in einen Bürgerkrieg („Stecklikrieg“). Sie erobertern den Aargau und Bern und kamen bis Payerne.

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