Schloss Wildenberg und die Familie Planta im Übergang vom Spätmittelalter zur Neuzeit?

Zernez: Während der Zeit der Bündnerwirren hatte Balthasar Planta aus Zernez sechs Frauen und bekannte sich bereits 1537 zum reformierten Glauben. Als Anhänger der österreichischen Partei blieb Pompejus katholisch. Ein weiterer Sohn von Balthasar und Bruder von Pampejus, Ritter Rudolf – ebenfalls reformiert – übernahm das Schloss Wildenberg und erbaute 1609 gar die evangelische Kirche in Zernez.

Ritter Rudolf, geboren 1570 hatte eine wechselvolle Geschichte hinter sich als er 1638 einsam und verlassen 68jährig im Schloss Rametz bei Meran starb. Ritter Rudolf bekleidete anfangs wichtige Ämter im Engadin und Veltlin und wirkte auch als Gesandter und Vertrauensmann des Gotteshausbundes. Er war Inhaber einer Bündner Kompanie in Französischen Diensten und wandte sich trotzdem 1614 gegen Venedig und Frankreich. Nachdem er zum katholischen Glauben konvertiert hatte kam er schliesslich an die Führungsspitze der Österreichischen Partei. Einerseits spielte dabei die politische Einstellung seines Bruders Pompejus und andererseits sein Ehrgeiz eine wichtige Rolle.

Die meisten Feinde aber holte sich Ritter Rudolf 1616 als Statutrichter im Gericht Steinsberg in Ardez. Seine Aufgabe war es dem Räuberwesen ein Ende zu setzten. Seine übermässige Härte verschaffte ihm jedoch kaum neue Freunde, insbesondere als er schliesslich im gleichen Jahr 16 Einheimische hinrichten liess. So kam es im Unterengadin zu einer Volkserhebung und plötzlich – am 16. Juli 1618 – standen 1300 Männer vor dem Schloss Wildenberg in Zernez. Nach mehrtätiger Belagerung entschloss sich Ritter Rudolf schliesslich zur Flucht. Zu nächtlicher Stunde hetzte er über den Ofenpass nach Meran in sein Schloss Rametz. Wildenberg wurde geplündert und zerstört und blieb mehrere Jahre unbewohnbar.

Papst Gregory XIII

Papst Gregory XIII

Europa: Papst Gregor XIII. entwickelte Ende des 16. Jahrhunderts einen neuen Kalender welcher 1582 durch die päpstliche Bulle Inter gravissimas dekretiert wurde. Etwa 100 Jahre davor, am 10. November 1483 wurde der spätere Reformator Martin Luther in Eisleben geboren. Er war der theologische Urheber und Lehrer der Reformation. 1517 gilt allgemein als Beginn der Reformation als Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben soll, aber ihre Ursachen und Vorläufer reichen weiter zurück in die Geschichte.

Vetlin: Als Mailand 1535 habsburgisch wurde, erlangte das Veltlin für die damalige Weltmacht Habsburg höchste strategische Bedeutung als Verbindung zwischen Tirol und Oberitalien. Dementsprechend versuchten die Habsburger mehrfach das Veltlin wieder an Mailand und damit an ihren Machtbereich anzugliedern. In der Zeit der Reformation blieb das Veltlin mehrheitlich katholisch, während in einigen Teilen der Drei Bünde sich die Reformation ausbreitete. Insbesondere die italienischsprachigen Talschaften Bergell und Poschiavo waren ein Zentrum der italienischsprachigen Propaganda für die Reformation. Den daraus resultierenden konfessionellen Konflikt zwischen katholischen Untertanen und reformierten Bündner Herren versuchten sich die katholischen Habsburger nutzbar zu machen.

Ab 1618 beteiligte sich auch Jürg Jenatsch an den wilden Parteikämpfen innerhalb der Drei Bünde. Er trat am Strafgericht von Thusis als fanatischer Gegner der spanisch-katholischen Partei auf und war mitverantwortlich für den Justizmord an Nicolò Rusca, Erzpriester von Sondrio und Johann Baptist Prevost von Vicosoprano. Im gleichen Jahr wurde Jenatsch reformierter Prädikant in Berbenno bei Sondrio in der mehrheitlich katholischen Talschaft Veltlin. 1620 entkam er knapp dem Veltliner Protestantenmord (ital. sacro macello) nach Silvaplana. Als Racheakt ermordete Jenatsch im Jahre 1621 mit einigen Helfern den Führer der spanisch-katholischen Partei in den Drei Bünden Pompejus Planta auf seinem Schloss Rietberg im Domleschg.

Im Veltlin war die Volksstimmung nach der Entführung und Hinrichtung Nikolaus Ruscas klar gegen die Bündner und gegen die Reformierten in den eigenen Reihen. Am 19. Juli 1620 begann in Tirano unter der Führung von Jakob Robustelli der katholische Aufstand. Die Stadttore wurden um 18 Uhr von den Verschwörern besetzt und alle Menschen durch Glockengeläut auf die Straße gerufen. Anschließend wurden alle Reformierten deren man habhaft werden konnte umgebracht.

Nach Teglio wurde als dritter Ort Sondrio überfallen wo rund 73 bewaffnete Reformierte sich jedoch im Palast des Gouverneurs verschanzen konnten und dort von etwa 1000 Mann belagert wurden. Schließlich erhielt diese Gruppe freien Abzug über den Murettopass ins Engadin. Unter ihnen befand sich Jürg Jenatsch, der reformierte Pfarrer von Berbenno. Trotzdem kamen in Sondrio und Umgebung etwa 140 Menschen ums Leben Einige Reformierte wurden nach Mailand an die Inquisition überstellt. Die Bündner Amtsleute wurden ebenfalls vertrieben – aber sofern sie katholisch waren – am Leben gelassen. Die Aufständischen beeilten sich sofort den neuen Gregorianischen Kalender einzuführen und alle Güter der Reformierten zur Plünderung freizugeben. In zeitgenössischen reformierten Quellen wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die meisten reformierten Familien sehr wohlhabend gewesen seien und dass dies für die Bauern der Umgebung eine wichtige Motivation dargestellt habe an dem Morden und Plündern teilzunehmen. So konnten sie sich einerseits persönlich bereichern, aber auch Schuldbriefe vernichten und sich Besitzurkunden über Land aneignen. Während weiteren drei Tagen wurden im ganzen Veltlin reformierte Familien und Einzelpersonen ermordet und vertrieben.
Um 1620

Um 1620

Ritter Rudolf Planta zeigte sich entsetzt über den Veltliner Mord und war sich der Grausamkeit seiner Partei bewusst. Er versuchte gegenüber Österreich seine Bündner Ehre zu bewahren. Aber ein Teil Graubündens war bereits von den Österreichern besetzt. Rudolf Planta kehrte schliesslich 1622 im Schutze Österreichs nach Zernez zurück und die Engadiner mussten das Schloss Wildenberg wieder aufbauen.

Vor der Teilung des Nachlasses von Ritter Rudolf Planta gab es Differenzen zwischen seinen zwei Neffen mit Namen Rudolf von Planta. Der eine Rudolf, reformiert und aus Ardez stammend und der andere Rudolf, katholisch, war der Sohn von Pompejus. Sie wollten sich 1640 in Bormio für eine Besprechung treffen. Als Rudolf von Ardez mit seinem stummen Diener auf dem Weg über den Umbrailpass war, wurde er plötzlich von Banditen (Bravi) angegriffen und getötet. Schuldig war der andere Kastellan, Rudolf und Sohn von Pompejus, der in der Bevölkerung nicht beliebt war und später in Zernez verhaftet und in Ardez im Gefängnis ermordet wurde.

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